Leserbrief: Zur Diskussion um die Neugestaltung des Geländes an der Aslager Straße
Mittwoch, den 11. Januar 2012 um 08:24 Uhr
Die ersten Opfer in der Auseinandersetzung um verschiedene Interessen sind häufig Glaubwürdigkeit und Objektivität. Diese alte Tatsache wird in der augenblicklichen Diskussion um Ursachen und Folgen der Abbrucharbeiten auf dem Gelände des alten Kindergartens besonders deutlich.
Weil vor den Entscheidungen und Vertragsunterzeichnungen offensichtlich nicht mit offenen Karten gespielt wurde, werden jetzt Bilder von nachkriegsähnlichen Zuständen und eines angeblich pädagogisch total veralteten Kindergartens in die Diskussion gezerrt.Um hier Schlimmeres zu verhindern,wie persönliche Verletzungen und Unterstellungen, kann man nur dringend Gespräche unter den Beteiligten empfehlen.
Diese Problematik möchte ich hier gar nicht in den Mittelpunkt gestellt sehen. Es geht vielmehr um eine Facette, wie man in Ankum mit städtebaulichen Todsünden umgeht. Langjährige Ratsmitglieder von Ankum brachten häufig ihre Begeisterung beim Blick auf Ankum aus Richtung Westen zum Ausdruck. Als Aslager Einwohner konnte ich ihnen da immer nur zustimmen.Fährt man aber jetzt aus Schwagstorf Richtung Ankum hat sich dieser Eindruck radikal verändert. Die städtebaulich interessanten Filetstücke (Einkaufszentrum, alter Kindergarten und Hackmannsboll) haben ihren positiv prägenden Eindruck für Ankum längst verloren. Alexandras altes Lied “Mein Freund der Baum“ kann man hier neu auflegen in „Mein Feind der Baum“.
Um Attacken gegen angebliche Investitionsfeindlichkeit gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Kaum jemand hat etwas gegen Investitionen, die den idyllischen und unverwechselbaren Charakter von Ankum in den Mittelpunkt stellen, gleichzeitig aber auch die wirtschaftliche Fortentwicklung des Dorfes sichern. Bange Frage an dieser Stelle: Wie wird das nächste städtebauliche Filetstück (Pastors Garten, Heckenwege) in einigen Jahren aussehen?
Aber keine überstürzte Hektik und Aufregung. Es gibt ja noch den verdienstvollen Heimatverein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle schönen Ecken und Gebäude in seinen Heimatheften auf Hochglanzpapier zu dokumentieren und zu archivieren. (Das soll ausdrücklich keine Kritik am Heimatverein sein.) Sicher können sich dann nachfolgende Generationen voller Begeisterung den herrlichen Anblick auf Ankum vom Westen her anschauen, leider aber nur auf dem Papier.
Reinhold Kemme, Ankum-Aslage

Redaktioneller Hinweis: Ein Leserbrief gibt allein die persönliche Meinung des Verfassers wieder.
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Kommentare
die Sorge um die Zukunft und Gestalt Ankums teile ich. Vermutlich geht es uns beiden da ähnlich wie vielen anderen Bewohnern und Bewohnerinnen - und zwar nicht nur in der gegenwärtigen Zeit, sondern seit vielen Jahrzehnten.
In Ihrem Leserbrief auf dem Internetportal Ankum-online.de vom 11. Januar 2012 verwenden SIe den Begriff „städtebauliche Todsünde“ und lassen damit eine persönliche Sicht und Bewertung erkennen. Manche so genannte Bausünde aus früherer Zeit (auch bereits aus den 70er Jahren) steht allerdings heute unter Denkmalschutz und ist ein Dokument wertgeschätzter Bauausführungen und Gestaltungsents cheidungen. Wenn wir Ankumer in dem vielschichtigen Bereich der Dorfentwicklung solide und verantwortet sprechen und urteilen wollen, dann dürfen wir nicht unter uns Dörflern bleiben und keiner darf seine persönlichen Ansichten und Sehgewohnheiten oder andere Befindlichkeite n in den Vordergrund stellen. Die Beteiligung von Fachleuten wäre hier sicher sehr hilfreich.
Die Kirchengemeinde St. Nikolaus und das Bischöfliche Generalvikariat haben das übrigens praktiziert. Die Sanierung von Kirchendach und- turm und die Erstellung eines Plans für die Innenanlage der Kirchenburg sind mit einem anerkannten Architekten und mit der niedersächsisch en Denkmalbehörde besprochen und von ihr begleitet worden. Ferner waren eingebunden die niedersächsisch en Minister für Landwirtschaft und Kultur, die Deutsche Stiftung Umweltschutz; die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die frühere GLL-Behörde zur Verwaltung von europäischen Fördermitteln und die Landesdenkmalpf lege haben sich an den bisherigen Kosten beteiligt ebenso wie die Kommune Ankum. Die Bevölkerung ist mehrfach über Artikel in verschiedenen Medien, durch Bildpräsentatio nen in der Pfarrkirche und durch Vorstellung der Vorhaben und der Planungs- und Sachstände bei verschiedenen Treffen von Teilgruppen aus Kirchengemeinde und Gesellschaft informiert worden. Das gleiche gilt für die bevorstehende Baumaßnahme „Erweiterung der Alten Küsterei“ (Haus Kirchburg) wie auch schon für die Sanierung und erste Erweiterung dieses Gebäudes in 1990er Jahren.
Kaum einer der Nichtbeteiligte n wird sich vorstellen können, wie intensiv und umfassend die verantwortliche n Gremien der Kirchengemeinde sich für die zu bewältigenden Baumaßnahmen den Kopf zerbrechen. Ich sehe hier ein hohes Maß an Verantwortungsb ewusstsein und -wahrnehmung in der Sorge um die kircheneigenen Belange und die damit gelegentlich zusammenhängend e Veränderung des Dorfbildes. Wenn Sie, Herr Kemme, der Ansicht sind, dass bezüglich des Neubaus der Kindertagesstät te und des Jugendheims und der Aufgabe der alten Standorte keine öffentliche Transparenz geschaffen wurde, dann ist das falsch! Nicht nur, dass die Kirchengremien öffentlich getagt haben und weiterhin öffentlich tagen, nicht nur, dass Vertreter der Grünen und der CDU Ortsbesichtigun gen vorgenommen haben, nicht nur, dass Vertreter des Gemeinde- und des Samtgemeinderat es in alle Überlegungen eingebunden waren, sondern Kinder, Jugendliche und Erwachsene hatten Gelegenheit, sich an Workshops und Ideenwettbewerb en zu beteiligen. Mehrere hundert Personen haben das getan. Für die Moderation dieses so erstmals durchgeführten Ideenfindungs- und -sammlungsprozes ses bin ich Herrn Edmund Zeidler außerordentlich dankbar. Mit seiner Erfahrung und Hilfe konnten wir für den Neubau der Kinder- und Jugendräume genau so verfahren. Vielleicht sind Sie, Herr Kemme, bei all diesen Gesprächen nicht dabei gewesen; ganz gewiss aber haben Sie in den langen Monaten dieses gemeinsamen Weges nicht mit mir gesprochen.
Wer kann die Entwicklung der Dorfgestalt in Landschafts- und Bauarchitektur ange-messen beurteilen? Lieb gewordene Sehgewohnten wurden und werden immer durch Um- und Neugestaltung beeinträchtigt und es gab zu allen Zeiten die Herausforderung für die Bevölkerung, sich den Veränderungen - auch wertschätzend - anzunähern. Würde auf der Grundlage persönlicher Befindlichkeite n eine sogenannte Liste mit Ankums Bausünden erstellt werden, was sollte alles darauf stehen, Herr Kemme?
Vielleicht der Abriss der nach Feuer stehen gebliebenen Mauern der mittelalterlich en Vorgängerkirche 1897 und die Fertigstellung der jetzigen Pfarrkirche 1900 in einem „nur“ historisierende n Stil;
vielleicht die Aufgabe und der Abriss des historischen Pfarrhofes an der Aslage Straße zugunsten des Baus von Kindergarten, Jugendheim und Kaplanei in den 1950er Jahren;
vielleicht auch die Verlegung des Taggenbrocksche n Kreuzweges von der Aslager Straße auf einen abgelegenen Feldweg zwischen Äckern (vorher konnten alle, die die Aslager Straße entlang gingen, dabei die Kreuzwegstation en sehen und das Geheimnis des Leidens Christi betend betrachten);
vielleicht sogar die Verlegung des Bundesstraßenve rlaufs aus der Ortsmitte oder
der Abriss des so genannten Franzosenhauses (eines historischen Zeugnisses für die Entstehung der bürgerlichen Zivilverwaltung ) oder
die Verlegung des Standortes der Germania-Siegessäule (die an den deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 erinnert) von ihrem historisch pikanten Platz vor der ehemaligen Verwaltung der napoleonischen Besatzungsmacht ) in den unbedeutenden Leerraum zwischen den nordwestlichen Treppenaufgänge n zur Kirche, wo sie langsam durch ihr Schattendasein Schaden nimmt;
vielleicht auch noch die mehrmalige Verlegung des Verwaltungssitz es der Gemeinde (vom Unterdorf: die letzte Vogtei neben Konditorei Frerker in Richtung Oberdorf: gegenüber von Fa. Stührenberg - heute steht dort das Kreissparkassen gebäude; zuletzt und derzeit zur Dorfmitte anstelle eines Tanzlokals)?
Als letztes Beispiel für die Frage nach Bausünden und ihrer Bewertung kann noch einmal der augenblicklich fast abgerissene Kindergarten an der Lindenstraße herhalten: Handelt es sich bei der Verwendung von Asbestmaterial im alten Kindertagen um eine Bausünde? Aus heutiger Sicht beurteilen wir das anders als Menschen früherer Baujahrzehnte. Der kürzlich behördlich angeordnete Stopp für die Abrissarbeiten macht mir jedenfalls nochmals deutlich, wie gut (klug und sinnvoll) die gemeinsame Entscheidung von Politik und Kirche war, den Altbau nicht zu sanieren, sondern an anderer Stelle eine neue Kinder-tagesstätte zu errichten. Spätestens jetzt kann jeder sich vorstellen, dass die Sanierungskoste n den entstandenen Baukosten der neuen Einrichtung wohl in nichts nachgestanden hätten.
Ihre persönliche Enttäuschung, Herr Kemme, angesichts mancher auch durch die Verantwortliche n in der Kirchengemeinde entstandenen Gestaltveränder ungen im Dorf Ankum kann ich gut verstehen. Aber versuchen auch Sie bitte uns zu verstehen. Am Beispiel des Hackmannschen Hofes will ich das erläutern. Die Bewirtschaftung des Hofes war schon vor mehreren Jahren aufgegeben worden. Die Kommune Ankum hatte daraufhin das ca. 150jährige Gehöft käuflich erworben mit dem Zweck, gegebenenfalls das Hauptgebäude, auf jeden Fall aber das Grundstück für soziale Zwecke zu nutzen. Es gab verschiedene Prüfungen, in welchem Maß dies gelingen könnte. Diese Überlegungen sind an der Kostenseite gescheitert. Schließlich hat die Kirchengemeinde die Immobilie erworben. Von diesem Zeitpunkt an, bin ich persönlich mehrmals im Gebäude gewesen und habe überlegt, was eine gute Nutzung sein könnte. In Absprache mit Kommune, Samtgemeinde und Bischöflichem Generalvikariat kam es schließlich zu der bekannten einschneidenden Veränderung. Verstehen Sie, Herr Kemme, bitte, dass die Verantwortliche n in den Kirchengremien auch die finanzielle Seite in ihren zu verantwortenden Entscheidungen berücksichtigen müssen. Immerhin ist uns ein Zweifaches gelungen: auf dem Gelände des Hofes ist im Sinne der früheren Eigentümer und der Kommune Ankum eine soziale Einrichtung entstanden: das Niels-Stensen-Pflegezentrum (in seinem Innenhof steht ein kleiner alter Schlepper, um wertschätzend an die jahrhundertelan ge landwirtschaftl iche Nutzung des Geländes zu erinnern) und das Hofgebäude wurde nicht abgerissen, sondern abgetragen, d.h. es ist existiert noch und kann an anderer Stelle wieder errichtet werden (wie das übrigens früher gelegentlich mit Bauernhöfen geschehen ist). Seit dem der Hof eingelagert ist, habe ich persönlich mehrmals mit dem neuen Eigentümer darüber gesprochen, wie das Gebäude an anderer Stelle in Ankum genutzt werden könnte. Auch gegenüber Politikern und Privatinvestore n habe ich meinen Traum mehrmals geäußert: der Hackmannsche Hof möge am Ankumer See aufgerichtet werden und zu einer Kultur- und Begegnungsstätt e werden. In Diele und Wohnraum könnten ca. zweihundert Menschen Platz finden bei Theater- und Musikaufführung en. Großzügige Kunstausstellun gen wären denkbar und Sonntag nachmittags vielleicht eine Kaffee- und Kuchentafel einen zusätzlicher Anreiz für einen Spaziergang um den Ankumer See bieten. Aber - wer sollte das bezahlen und wer wäre bereit, das Finanzierungsri siko einzugehen?
Bedauerlicherwe ise mussten vor Wochen einige Bäume aus dem alten Bestand an Hackmanns Boll gefällt werden (Sie stimmen Alexandras Lied an und texten es neu). Auch für diese Entscheidung gibt es einen ernst zu nehmenden Grund: die Verkehrssicheru ngspflicht des Grundstückseige ntümers. Kein noch so umweltfreundlic h eingestellter Angehöriger unserer Kirchengemeinde wird bei einer Verletzung der Sorgfaltspflich t strafrechtliche Konsequenzen zu tragen haben, aber sehr wohl ich mit allen Kirchenvorstand smitgliedern. Ich versichere Ihnen, dass in meiner Zeit als Pfarrer in Ankum nur solche Bäume gefällt worden sind, deren Zustand die Verkehrssicherh eit gefährdeten. Für die meisten Entscheidungen hat der Kirchenvorstand den fachlichen Rat von Sachverständige n eingeholt. Ihre Sorge, Herr Kemme, teile ich auch in diesem Punkt. Als die Schulstraße neu gestaltet wurde, habe ich den Vorschlag unterbreitet, das Thema der Heckenwege gestalterisch aufzugreifen und entlang des Friedhofs Bäume zu pflanzen, damit das Erscheinungsbil d sich wieder der Bezeichnung „Friedhof“ annähert. Ich weiß aber auch (und ich höre schon Alexandras Melodie), dass es nicht mehr lange dauern wird, bis alte Bäume an der Kastanienallee und auf der Kirchenburg ersetzt werden müssen durch Neuanpflanzunge n. Für diesen Zeitpunkt hoffe ich auf sachliche Diskussionen, auf Lernen aus der Geschichte und auf finanzielle und tatkräftige Unterstützung bei den Ankumern und Ankumerinnnen.
Erlauben Sie mir, Herr Kemme, als Letztes eine Bemerkung zu unseren Dorfansichten. Von wo ist der (Außen-)Anblick der Ankumer Kirche am schönsten und beeindruckendst en? Auch hier werden die Geschmäcker der Menschen zu unterschiedlich en Ansichten führen. Wenn ich von Aslage kommend auf der Bundesstraße auf Ankum zu fahre, wie Sie, Herr Kemme es als Aslager ungleich häufiger tun, freue ich mich nicht nur beim Anblick der Pfarrkirche, sondern auch an den seitlich der Bundesstraße zahlreich entstandenen Arbeitsplätzen. Als Pfarrer der weithin sichtbaren Kirche von Ankum hoffe ich, dass in ihrem Sichtfeld noch viel mehr Möglichkeiten zur beruflichen Erwerbstätig entstehen. Von beidem leben viele Menschen - vom Broterwerb am Ankumer Arbeitsplatz und vom Brotempfang am Ankumer Altar.
Bernd Heuermann, Pfarrer
Ankum, 14. Januar 2012