Kolpinger drängten die Kandidaten gezielt zu neuen Antworten
Geschrieben von: Franz Raschke Freitag, den 04. September 2009 um 06:53 Uhr
Spiering und Seestern-Pauly prominierten durch die Erarbeitung der Wahlalternativen
Bersenbrück. (fr) Der Wahltag, der 27. September, ist nicht mehr weit und man möchte meinen, dass sich nun wenigstens die Direktkandidaten zur Bundestagswahl mehr und mehr heißlaufen und um ihre Wähler kämpfen. Davon aber war am gestrigen Abend in Bersenbrücker Hotel Hilker kaum etwas zu spüren.
Nach einem Wochenende mit Landtagswahlen in drei Bundesländern und den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen, hatte der Kolping-Bezirksverband Fürstenau fünf Direktkandidaten der Bundestagswahl zur Podiumsdiskussion ins Hotel Hilker eingeladen.
Namentlich den CDU-Bundestagsabgeordnete Georg Schirmbeck, den Kandidaten der SPD Rainer Spiering, den FDP-Kandidaten Matthias Seestern-Pauly, Dr. Arnulf Nüßlein als Kandidat der Grünen und Manfred Braunen als Kandidat der Partei „Die Linke“. Die Diskussion leitete für das Kolpingswerk Manfred Kalmlage.
Im Hinblick auf die Wirtschaftskrise sah Manfred Brauner (Die Linke) das „dicke Ende“ noch kommen und Arnulf Nüßlein (Grüne) sah sich noch nicht zu einer Lagebeurteilung befähigt, beide forderten aber zum Auffangen der aufgestauten Finanzprobleme eine höhere Besteuerung der Spitzeneinkommen.
Rainer Spiering (SPD) war verärgert über das durch die Banken verschleuderte Vermögen der Bürger und setzt jetzt auf ein neues Wachstum und die entstehende Wertschöpfung. Beispielsweise das Ingenieurwesen und das Wissen deutscher Techniker helfe in vielen Bereichen beim neuen Weg nach vorn. Nur aus einem neuen Wachstum heraus ließen sich verantwortlich auch Steuersenkungen erreichen. Einen Anlass für Steuererhöhungen sah er derweil nirgends.
Georg Schirmbeck (CDU) nahm unterdessen auch die internationale Gemeinschaft in die Pflicht, um ein neues Wachstum zu erreichen und setzt innerhalb Deutschlands lieber auf Steuersenkungen als Wachstumsimpuls, so wie auch Matthias Seestern-Pauly (FDP), der vor allem auf den Mittelstand baut und auf ein strikt vereinfachten Steuersystem – mit Steuersenkungen durch Einsparungen – vertraut. Die Felder für die machbaren Einsparungen seien gemäß seiner Meinung manchmal versteckt und im Einzelnen gering, in der Gesamtwirkung aber beachtlich. Doch nur Steuersenkungen würden ein neues Wachstum erst möglich machen.
Insgesamt Standpunkte, die man eigentlich längst kennt. Neues gab es sodann auch nicht im Bereich der Gesundheitspolitik, deren Problematik über die grundlegenden Finanzierungsideen längst hinaus geht. Allein Georg Schirmbeck fand hierbei übrigens einen Bezug zur hiesigen ländlichen Region und betonte die Notwenigkeit, dass auch in Berge oder vergleichbaren Orten ein Hausarzt für die Versorgung der Menschen vor Ort finanzierbar bleiben müsse. In Berge hatte erst kürzlich ein Arzt seine Landarztpraxis endgültig resignierend aufgegeben.
Etwas andere Antworten erfuhr man erst, als Pastor Bernd Heuermann, gestern übrigens als „Kettenkamps Pastor“ nach Bersenbrück gekommen, an die Einladung des Kolpingswerkes mit seinem christlichen Wesen erinnerte und gezielt um Stellungnahmen hinsichtlich der christlichen Werte, der Arbeit der Kirche, der Bedeutung von Familie und Ehe und auch den Wünschen hinsichtlich der Verbesserung kirchlicher Arbeit im Dialog mit der Politik bat.
Mathias Seestern-Pauly (FDP) verwies auf die Dialoge, die die FDP auf Kirchentagen geführt habe und auf die Wichtigkeit des Dialoges zwischen der Politik und der Kirche im Allgemeinen. Gleichwohl stehe er mit eigenen Meinungen, beispielsweise im Thema Abtreibung, dem Denken der katholischen Kirche entgegen. Die FDP setzte sich mit Konzeptionen hinsichtlich der Rente für Erziehende oder mit Programmen zur Betreuung der Kinder berufstätiger Elternteile für die Familien ein. Modelle in Frankreich seien dafür beispielhaft. Eine gewisse Verwunderung löste sein Gedankengang aus, dass Nächstenliebe bedeute, erst einmal dem Nächsten zu helfen, bevor man nach der Hilfe des Staates rufe.
Georg Schirmbeck (CDU) beschrieb seinen langen Weg des politischen Wirkens in stetiger Verbundenheit mit dem Christentum und der aktiven Mitarbeit in kirchlichen Gremien. Für ihn sei die Nachhaltigkeit christlichen Denkens bedeutsam, auch und gerade als Grundhaltung im politischen Handeln. Ehe und Familie seien der Anker der Gesellschaft und die Wahlfreiheit der Frauen und Männer, zwischen Familie und Beruf, müsse weiterhin mit entsprechenden Ergänzungszahlungen und Rentenanpassungen unterstützt werden. Bezogen auf den Dialog zwischen der Kirche und der Gesellschaft wünschte er sich manchmal deutlichere Worte des Papstes. 
Rainer Spiering (SPD) fühlte sich angesichts dieser Nachfrage persönlich berührt und erzählte, wie er in einer christlichen Arbeiterfamilie erwachsen wurde, sich dann vom kirchlichen Alltag entfernte und wie erst durch das Leben mit Frau und Kindern ein neues Bedenken des Glaubens entstand. Heute fände er in der Kirche einen Ruhepol. Die Familien seien in heutiger Zeit gesellschaftlichen Erosionen ausgesetzt, die durch Hardcore-Sprüche der Politik noch verstärkt würden und ein Rückbesinnen auf die Familie, als das – was uns ausmacht –, sei heute enorm wichtig.
Dr. Nüßlein (Grüne) erinnerte angesichts der zugespitzten Nachfrage und als Rechtsanwalt im Hauptberuf an die Grundsätze der Wahl und das Grundgesetz, betonte aber auch, dass die Grünen heute durchaus "wertkonservativ" seien. Manfred Brauner gab sich als ein Christ zu verstehen, der durchaus aber seine Probleme mit der katholischen Kirche habe. Nicht mit der Kirche aber mit Gott sei er für sich im Reinen.
Im Fazit brachte die Podiumsdiskussion wenig Neues für die insgesamt rund 200 Zuhörer und wäre die gezielte Nachfrage nach den Orientierungen zu den christlichen Werten nicht aufgekommen, wäre die Diskussion fast verzichtbar gewesen. Daran konnte auch Manfred Kalmlage als Moderator, trotz manchmal provozierender Nachfrage, wenig ändern.
Bleibt zum Schluss nur sein Aufruf zu unterschreiben: Bitte informieren Sie sich weiter und gehen Sie am 27. September zur Wahl.
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