Vom Unterdorf über Iburg an den Vogelberg

Friseurmeister Werner Buschermöhle übergibt Betrieb an Tatjana Schloss

Ankum. (to) Nicht selten wird in einer Floskel bei Neu-Rentnern vom „Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand“ gesprochen. Bei Werner Buschermöhle passt diese Redensart allerdings wie die berühmte Faust aufs Auge. Ohne Frage hat der Ankumer Friseurmeister nach über 50 Berufsjahren seinen Ruhestand mehr als verdient, doch viele treue Kunden können sich (noch) nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass „ihr“ Werner zum Jahreswechsel 2010/2011 Kamm und Schere symbolisch aus seine Hände gelegt und seinen Betrieb an Friseurmeisterin Tatjana Schloss übergeben hat.

Doch für alle wehmütigen Kunden gibt es zum Jahresanfang eine gute Nachricht:  Komplett wird sich „Butscho“ – wie er in Ankum  genannt wird – noch nicht zurückziehen, im Herrensalon will er tageweise den Kunden weiterhin zur Verfügung stehen.

Mit Wehmut aber auch mit vielen netten Worten verabschiedeten die Mitarbeiterinnen des Salons Buschermöhle „ihren“ Chef in den Ruhestand. Unser Foto zeigt das Team mit Werner Buschermöhle und seiner Ehefrau Jutta (vierte von links). [Foto: Thomas Oeverhaus]

Mehrere Zehntausende von akkurat sitzenden Haarschnitten hat er im Laufe seiner über fünf Berufsjahrzehnte hinter sich gebracht. Angefangen hatte alles 1959, als der Rüsseler Junge im Friseursalon von Hubert Telscher im Ankumer Unterdorf mit  13 Jahren als Lehrling eingestellt wurde.

Nach der erfolgreichen Lehre schlossen sich einige  Gesellenjahre bei Telscher an, bevor für den gerade mal 20-jährigen ein neues, berufliches Kapitel begann. Er wechselte vom Osnabrücker Nordland tief in den Südkreis und trat bei Friseurmeister Josef Wagner im Jahr 1963 eine neue Arbeitsstelle als Friseurgeselle an. „Die Jahre in Bad Iburg haben mich positiv für´s Leben geprägt“, erinnert sich Werner Buschermöhle noch heute mit leuchtenden Augen. Bad Iburg, dass war eine andere Welt mit vielen Kurgästen, neuen Eindrücken und vor allem einem charismatischen Chef. „Bei Josef Wagner habe ich viel gelernt, nicht zuletzt den schärfenden Blick für die verschiedensten Charaktere der Menschen!“

Aber auch privat war der Umzug von Ankum nach Bad Iburg von großer Bedeutung. Dort lernte er seine spätere Frau Jutta kennen, es folgten im Jahr 1970 Heirat, Meisterkurs und die Geburt von Tochter Nicole. Nach gut einem Jahrzehnt „in der Fremde“ zog es dann Werner Buschermöhle in die alte Heimat zurück, am Tiefen Weg in Ankum eröffnete er dann als 28-jähriger seinen Friseursalon, wo es reichlich Arbeit gab. „Als Frühaufsteher hatte ich im Sommer schon sehr zeitig den Salon für meine Kunden offen, dass sprach sich rum, nicht nur bei den hiesigen Landwirten“, verrät Werner Buschermöhle mit einem Augenzwinkern.

Das  Schuften trug Früchte, schon bald wurde der Betrieb am Tiefen Weg um einen Damensalon vergrößert, 1976 konnte der erste Lehrling eingestellt werden, außerdem auch eine Mitarbeiterin. Besonders bei den Ankumer Jungen war der Salon von „Butscho“ so etwas wie Kult. Im Wartebereich gab es eisgekühlte Coca-Cola im Angebot und – was wohl viel entscheidender war – dort lagen regelmäßig die neuesten Ausgaben von „Asterix und Obelix“  zum Lesen aus. Nicht selten betraten die jungen Fans der Comicserie den Salon am Tiefen Weg in der Hoffnung, möglichst lange warten zu müssen, um ausgiebig in dem neuen „Asterix-Heft“ zu schmökern.

Die Schufterei mit langen Arbeitstagen ohne Mittagspause lohnte sich, dass Geschäft boomte, so dass im Jahr 1980 ein großes Ziel erreicht werden konnte. Auf dem Ankumer Vogelberg, genauer gesagt in „Reischels Garten“, wurde 1980 der eigene Salon samt Wohnhaus errichtet, wo Familie Buschermöhle – zwischenzeitlich um Sohn Florian „erweitert“ – einzog.

Wer Werner Buschermöhle kennt, weiß ganz genau, dass er Ankumer mit Herz und Seele ist und diese Liebe zu seinem Heimatort vor allem auch in den unzähligen Dönkes, Anekdoten und Geschichten zum Vorschein kommt, die er zu erzählen weiß. Und die Geschichten lieferten die Kunden in seinen über 50 Berufsjahren mehr als reichlich.

Noch aus seiner Lehrzeit im legendären Salon Telscher ist  „Butscho“ eine unauslöschliche Begebenheit parat. So gehörte damals das Bärte rasieren zum typischen Sortiment. „An gewissen Tagen war der Salon auf Schlag gefüllt. Die Wartezeit verkürzten sich die Männer dann in der gegenüberliegenden Gastwirtschaft von Klunen Jopp. Anschließend herrschte dann bei uns im Salon eine Riesenstimmung“, lacht Werner Buschermöhle.

Auch bei einem sparsamen – in Ankum würde man sagen „knieperigen“ – Geschäftsmann spielte das Rasieren eine Rolle. Statt des regulären Preises von fünf Mark langte er nach erledigter Rasur in seine Geldbörse, übergab dem verdutzten Buschermöhle 2,50 Mark  und merkte an: „Mehr muss das aber nicht kosten!“ Bei der nächsten Rasur des knauserigen Geschäftsmannes sann Butscho  auf „Rache“: Er seifte den Bart komplett ein und rasierte  – aber nur exakt bis zur Hälfte.  „Das kostet bis jetzt 2,50 Mark -  wenn der ganze Bart weg soll, brauche ich 5,00 Mark Vorkasse!“

Auch als langjähriger „Chefmaskenbildner“ bei den Ankumer Kolpingtheaterspielern weiß er zu lustiges zu berichten, dazu noch viele, viele andere Geschichten aus seinem Arbeitsleben, die eine Menge  von der Liebe zum Beruf, zu seinen Kunden und zu seiner Heimat verraten. Das ist auch wohl das Geheimnis seiner großen Beliebtheit, die auch  heute noch treue Kunden sogar aus Bad Iburg, Osnabrück und Quakenbrück regelmäßig in den Salon an den Ankumer Vogelberg kommen lassen. Auch die dürften daher froh sein, dass Werner Buschermöhle noch nicht ganz aus dem Geschäft ist.

Den symbolischen Türschlüssel für den Friseursalon übergab vor wenigen Tagen Werner Buschermöhle an Tatjana Schloss, die seit Anfang des Jahres 2011 den Betrieb weiterführt. [Foto: Thomas Oeverhaus]Ich kann nicht von heut auf morgen einfach  so aufhören, dafür hat  mir mein Beruf zuviel Spaß gemacht und er macht es auch heute noch!“

Beim Blick zurück auf seine über 50-jährige Berufstätigkeit kommt große Dankbarkeit auf. „Vor allem bin ich dankbar, dass ich in der Zeit geboren bin, in der man sich etwas was aufbauen konnte. Meine Eltern, die mir immer ein großes Vorbild in ihrem Fleiß waren, hatten diese Voraussetzungen nicht“, sinniert Werner Buschermöhle, der bei diesem privaten Resümee ganz besonders an seinen Vater denkt. 

Um die für ihn ganz wichtigen zwischenmenschlichen Kundenkontakte nicht zu verlieren, ist „Butscho“ daher an Freitagen und Samstagen noch in seiner gewohnten Art und Weise im Herrensalon anzutreffen. Trotzdem freut er sich jetzt auf mehr Freizeit, die er mit seiner Frau Jutta, Kindern und Enkeln, Städtereisen und einer geplanten Fahrradtour „rund um Deutschland“ verbringen möchte. „Darauf freue ich mich!“ gibt der 65-jährige Friseurmeister offenherzig zu.

Gefreut hat er sich auch darüber, dass sein Betrieb in „absolut zuverlässige und engagierte Hände“ kommt. Ab Januar 2011 hat er seinen Salon an Friseurmeisterin Tatjana Schloss verpachtet. „Sie hat den Meisterkurs mit Bravour bestanden und alles daran gesetzt, den Betrieb übernehmen zu können. Das hat mir sehr imponiert“, lobte der Neu-Rentner seine  Nachfolgerin. Nicht zuletzt auch deshalb kann Werner Buschermöhle beruhigt in den „wohlverdienten Ruhestand“ gehen, auch wenn er noch zeitweise an seinem angestammten Platz im Herrensalon anzutreffen ist.
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